Ein Blog um fremde Zeit zu okkupieren.
Schreiben, Blicke, Kunst und peinliches Übergehen in unserer Wahrnehmung.

Archäologie der Nachkriegszeit: Als Franz Josef Strauss für die atomare Bewaffnung der Bundeswehr eintrat und Hans Josef Maria Globke im Kanzleramt sass — dazu das kaltweisse Neonlicht in der Nacht, das als Strassenbeleuchtung üblich war.  Augsburg & München, März/April 2013

Posted at 11:09am.

Die Nachbarin hatte eine Katze, die an ihrem Sohn hing. Dieser fuhr zur See. Und weil die Gewässer um England, wo das alles spielte, böse und schiffshungrig sein können, verriet der Sohn nie, wann das Einlaufen geplant war, damit seine Mutter sich keine Sorgen machen musste, wenn sie doch länger auf See bleiben würden. Die Katze aber, so hatte die Mutter Rupert Sheldrake erzählt, setzte sich immer ans Fenster wenn der Sohn erscheinen würde, rechtzeitig genug, damit das Bett gelüftet und Essen bereit gestelllt werden konnte.

Rupert Sheldrake erzählt von dieser anhänglichen, paranormal begabten Katze, als er in einem seiner Bücher sich der Frage widmet, wie manche Haustiere wissen, wann und wo ihre Bezugspersonen sich aufhalten — der gelernete Biologe Sheldrake sieht sogenannte morphische Resonanzen am Werke, anhand derer Tiere und Menschen sich verhalten. Warum, fragt er einmal, verbreiten sich bestimmte kulturelle Fähigkeiten, nämlich im Wasser Getreide von der Spreu zu trennen, unter Affen auch dann, wenn diese Affenpopulationen räumlich getrennt voneinander leben. Es müsse, so postuliert er, eine unbewusste Verbindung zwischen den Affenpopulationen geben, anhand derer das einmal Gelernte auf die anderen Affen überginge — und dies, so die Vermutung, müssten Resonanzen sein, die, ohne dass sie bislang erforscht seien, sich der bisherigen naturwissenschaftlichen, materialistischen Forschung entzögen (Karl Jaspers hat das in der sogenannten ‘Achsenzeit’ auch für die kulturelle Entwicklung verschiedener historischen Hochkulturen postuliert, ohne allerdings Schlüsse wie Sheldrake zu ziehen).

Könnte man die Synchronizität kultureller Entwicklungen noch dahingehend erklären, dass gleiche Umstände höchstwahrscheinlich gleiche Lösungen hervorbringen müssen, so versagt dieser Ansatz bei der treuen Katze vollständig. Woher weiss sie denn, wann das Schiff einläuft, sie ist ja nicht im Hafen?

Hier scheint sich das glitschige Feld erkenntnistheoretischen Neulandes aufzutun, wäre man gewillt, in diese Richtung zu denken. Naturwissenschaftlich ist nach den bisherigen Ansätzen kaum vorstellbar, dass geistige Informationen — um die handelt es sich ja — irgendwo gespeichert und gleichzeitig gelesen werden können, ohne dass ein geeignetes Medium gefunden werden kann.

Die Antike hatte das andersrum gedacht, laut Plato waren zuerst die Ideen, die, dem was Sheldrake als morphogentische Felder beschreibt, ähneln könnten, vorhanden, erst wenn man sie erkenne, würde man die Welt wirklich begreifen. Die mittelalterliche Frühscholastik übernahm diesen Denkansatz. Die Idee (Universalie) als ein eigenständig vorhandens Wesen, so sagte man, ginge dem materiellen Substrat voraus, ohne dieses sei letzteres nicht denkbar. In der Hochgotik wurde durch Thomas von Aquin dieses Postulat umgedacht, aus der Geschichte, mit den Dingen erwachsen die Formen (essentiae), Universalien genannt, die wiederum die Dinge und das Tun der Menschen prägen. Siamesische Zwillinge sind geistige Form und Substrat, so wie in den hochgotischen Kathedralen Funktion und Ästhetik eine vollständige Einheit bilden — wie bei Sheldrake entstehen unbekannte Felder, die intelligibel sind und das Tun der Menschen und das Natur prägen.

Im Spätmittelalter, als Folge der ideologischen Debatte, ob die Franziskaner — und damit eigentlich die Kirche — Geld besitzen dürften, wechselte Wilhelm von Ockham nach seiner Exkommunikation das Schlachtfeld und verwarf die Universalien als Ganzes. Erkenntnis, so sagte er, müsse die einfachst mögliche Prämisse voraussetzen, Universalien seien Produkte menschlicher Überlegungen — geistige und weltliche Herrschaft, die sich als Verkörperung einer Universalie sahen, zögen laut Ockham ihre Legitimation aus dem Nutzen für alle, den ihre Ämter beinhalten mögen. Wilhelm von Ockham starb 1347 in München, ein Jahr vor der grossen Pest, sein ebenfalls exkommunizierter Schutzherr, Kaiser Ludwig IV. von Bayern, ein halbes Jahr später.

Ein historisches Minenenfeld. Die morphogenetischen Felder, wenn es sie denn gibt, lagern subcutan in der europäischen Geschichte in den Fächern verbotene & autoritär holistische Diskurse. Die unerwünschte politische Klasse, die der Kleriker, wurde im Rahmen der absoluten Souveränitätsansprüche der adeligen Staatsführer (die Bürger waren auch mit Kant emanzipatorisch noch nicht dran) ideologisch abgestraft und zu Nützlichkeitserwägungen verdonnert. Ab und zu verirren sich wieder Denker und Romantiker in die alten geistigen Räume und gönnen sich ein paar berauschende erkenntnistheoretische Exkurse, so als würden sie ein wenig zuviel space cakes naschen. Sonst hat Nüchternheit zu herrschen, Sheldrake gilt als Phantast und Spinner, im öffentlichen Bewertungsjargon als Pseudowissenschaftler diskreditiert ist er intellektuell nicht satisfaktionsfähig. Und hier setzt das cui bono an — will man in vulgärgesellschaftliche Diskussionen verfallen — wem nützt es heute, dass die arme (inzwischen wahrscheinlich längst tote) Katze nicht wissen darf, wann das Schiff ihres geliebten Freundes einläuft?

Posted at 4:06pm.

Das Eigenartige ist, dass mit der Art déco eine weiche Moderne erscheint, die das Vergangene spielerisch verdrängen will — böse Zungen könnten sagen, dass dagegen die totale Negation des Alten im Bauhaus und dem Le Plan Voisin von Corbusier eine Parallele zu totalitären Gesellschaftsmodellen darstellt, auch wenn diese später ihren Erneuerungswillen mit Natursteinsäulen und Zuckerbäckerstil getarnt hatten.

Photos: Miami Beach

Posted at 1:35pm.

Eigenartig ist, dass bei zwei Filmen, die das Verhältnis Männer und Frauen in ihrer Zeit völlig utopisch und gegen den Strich behandeln, sorgsam Zeitmarker eingefügt sind, die präzisonsartig genau die Zeit und die Atmosphäre beschreiben.

Die Zeitmarker sind diskret, nur demjenigen verständlich, der den Ort gekannt hat und die Dinge immer noch vor Augen hat.

In Rudolf Thomes Rote Sonne erschiesst eine der wunderbar starken Frauen herrlich nonchalant einen Ex auf dem Bahnsteig der Trambahn von der hölzernen Überführung herab, die in der Nähe des Stachus in München über die Trambahngeleise gebaut worden war, weil unter der Erde die unterirdischen Einkaufspassagen und die U-Bahn für die Olympiade von 1972 errichtet wurden.

Ich erinnere mich, als Schulkind musste ich im Rahmen eines Klassenausfluges die leeren Tunnel besuchen, die gerade im Rohbau fertiggestellt waren, leer und bloss waren sie, noch ohne Geleise und Kacheln an den Bahnhöfen, die Moderne hiess es, die U-Bahn, käme nun auch nach München. Es roch nach frischen Beton und einer unfassbaren Ära der Weltzugewandheit für diese enge, graue Stadt.

Auch Fassbinder ist in den Götter der Pest absolut gegen die Zeit. Hier tritt ein hübscher Strafentlassener auf, der noch schönere Frauen trifft. Die damaligen Sehgewohnheiten erwarteten wohl etwas grosszügigere Kameraeinstellungen in Bezug auf die durchaus ästhetisch eindrucksvollen Oberweiten der Damen, wurden aber herbe enttäuscht, was nackt zu sehen ist, ist kurzfristig das schlaffe Genital des schlanken, für Homosexuelle und Frauen durchaus ansprechenden Strafentlassenen. Ja, und dann wird in der cool modern gestylten Frauenwohnung Liesl Karstadt gespielt, das furchtbar engstirnige und vergestrigte Bayern, als ob alles noch einen nicht vergangenen Schatten haben könnte.

Ja, den hatte es, als unten für die Moderne gebuddelt wurde, trugen die Frauen vom Land noch Kopftücher in der Stadt — aber diesen Anblick haben nur noch die vor Augen, die sich an den U-Bahnbau und die erträumte neue Zeit erinnern.

Posted at 1:30pm and tagged with: two column,.

Tempelhof Flughafen…

Posted at 12:07pm.

Tempelhof Flughafen…